AKINBODE AKINBIYI: “I hope you take time and try to read the image“

AKINBODE AKINBIYI

“I hope you take time and try to read the image“

 

Marei Loreen Klapproth

 

Die innere Haltung, mit der wir uns durch alltägliche öffentliche Lebensräume bewegen, ist für Akinbode Akinbiyi ein wichtiger Bezug für die Verhandlung grundlegender philosophischer Fragen zu Themen wie Beziehungen zu unserer Umwelt und nachhaltige Friedenssicherung.

 

Seit den 1970er Jahren durchwandert der in Oxford geborene, nigerianische Fotograf, Dichter, Kurator und Lehrer mit seiner analogen Kamera wiederholt die selben Metropolen. Es entstehen poetische Fotografien von Städten wie Lagos, Johannesburg, Kairo, Berlin und vielen anderen, die er später zu Serien zusammenstellt. Vergleichbar einem Tanz mit allen Sinnen nimmt er mäandernd den Rhythmus der Großstadt und des Zusammenlebens in hochdynamischen Räumen wahr. Insbesondere vom Hörsinn lässt er sich leiten, wenn er intuitiv der Anziehung scheinbar unbedeutender Details am Rand des Geschehens folgt um Bilder zu machen. In der von ihm bevorzugten Mittelformatkamera sieht Akinbiyi ein Werkzeug, das er mit einem Musikinstrument vergleicht. Die Verschmelzung seines individuellen, von ihm beim Wandern diszipliniert eingehaltenen Taktes mit der Choreographie des Raumes ermöglicht es ihm, sich überall gleich als Mensch wohl zu fühlen und öffnen zu können. Gleichzeitig fühlt er sich tief verwurzelt mit den Yoruba in Nigeria. Das sich aus der genutzten Kameratechnik ergebende Quadrat als Bildformat wird von ihm dekonstruiert und ein Spannungsfeld erlebbar gemacht, durch das Bewegung hinein in die tiefen Schichten des Verstehens möglich wird. Bei seinen Wanderungen durch die Städte begegnen ihm mitunter gefährliche aggressionsgeladene Situationen, in die er nur nach sorgfältiger Erwägung eingreift. Unüberschaubare Bedrohungen versucht er frühzeitig zu erkennen, um unnötiger Gewalt ausweichen zu können. Er fragt sich:

 

Wie wäre die Welt, wenn alle diesen Weg gingen?

 

1977 war der in Oxford geborene Sohn nigerianischer Studierender mit 28 Jahren bei einem Besuch des legendären FESTAC Festivals in Afrika so fasziniert von der “power of black culture“, dass er sein Literaturstudium und seine Promotion abbrach, um sich vollständig der Fotografie zu widmen. Im Jahr 1987 erhielt er ein STERNReportage-Stipendium für seine Arbeit in den Städten Lagos, Kano und Dakar. 1993 war er Mitbegründer des UMZANSI Cultural Centre in Durban in Südafrika. Einige Jahre zuvor initiierte er zusammen mit dem Goethe-Institut Nigeria eine Master Class für junge nigerianische Fotograf*innen, wodurch sich das panafrikanische Projekt Centers of Learning for Photography in Africa zu einem Netzwerk von Fotografieschulen im Subsahara-Afrika entwickelte. In zahlreichen Workshops, Trainingssessions und Masterclasses auf dem ganzen Kontinent, besonders im Sudan, aber auch in Äthiopien, Südafrika und im Kongo konnte der Lehrer Akinbiyi seine Erfahrung an junge Fotograf*innen weitergeben. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Akinbiyi abwechselnd in Nigeria, England und Deutschland. Sein Vater war vor der Unabhängigkeit Nigerias Bürgermeister der damals, wie Akinbiyi betont, noch vergleichsweise gegenüber heute kleineren Stadt Lagos. Seine Mutter unternahm früh mit ihm lange Wanderungen und an seine Großmutter erinnert er sich als für ihn prägende friedliche Persönlichkeit. In seiner Arbeit greift Akinbiyi diese autobiografischen Bezüge mit der Suche nach etwas Verlorenem auf. Er selbst sagt dazu: „In den letzten Jahren habe ich erkannt, dass ich meine Kindheit suche, die Art von Unschuld und Kindlichkeit, die ich hatte, als ich in London und Lagos aufwuchs. Aber ich spüre, dass sie nicht mehr da ist. Wann immer mir solche Augenblicke begegnen – Fragmente dieser verlorenen Unschuld –, mache ich Fotos. Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, was in den Städten, die ich dokumentiere, heute vor sich geht.“ Schon als Kind liebte er Erzählungen und Bücher und entdeckte später, nachdem er von einem Verwandten eine Kamera als Geschenk erhalten hatte, dass Geschichten auch mit Fotografien erzählt werden können. 

 

Die Arbeiten Akinbiyis wurden u.a. auf Ausstellungen und Biennalen in Frankfurt, Berlin, Dresden, Weimar, Tokio, Paris, Philadelphia, Johannesburg, Havanna und New York gezeigt sowie in diversen Zeitschriften publiziert. Daneben war er Kurator verschiedener Ausstellungen des Instituts für Auslandsbeziehungen, darunter STADTanSICHTEN Lagos (2004) und Spot on ... DAK'ART – Die 8. Biennale zeitgenössischer afrikanischer Kunst (2009). In Bamako, Mali, kuratierte er den deutschen Beitrag zu den Rencontres de Bamako – Biennale de la Photographie Africaine (2003). 2014 beteiligte Akinbiyi sich als Ko-Autor an dem Buchprojekt Just Ask! über die zeitgenössische afrikanische Fotografieszene (2014, herausgegeben von Simon Njami). Zu seinen Hauptausstellungen gehören Tales from a Globalizing World (2003 – 2007 in Brüssel, Dhaka, Genf, Kairo und anderen Orten), Africa Remix (2004 – 2007 in Düsseldorf, London, Prais, Tokio, Stockholm und Johannesburg), Sea Never Dry (2005 im Staatlichen Museum für Völkerkunde in Dresden), Adama im Wunderland (2013 – 14 im Goethe-Institut Johannesburg). Im Rahmen der documenta 14 stellte er 2017 seine Arbeit Passageways, Involuntary Narratives, and the Sound of Crowded Spaces (2015 – 2017) in Athen und Kassel aus. Im Berliner Kunstraum SAVVY Contemporary präsentierte er eine umfassende Arbeit in der Gruppenausstellung THAT, AROUND WHICH THE UNIVERSE REVOLVES: On Rhythmanalysis of Memory,Times, Bodies in Space

 

Die Ausstellung Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air (2020 im Gropius Bau in Berlin) umfasst unter anderem die international vielbeachtete Serie Sea Never Dry. Die friedliche Ruhe der seit 1982 fortlaufenden Serie Sea Never Dry aus Lagos mit der Stille und der gleichzeitig ebenso meisterhaft gestalteten lebhaften Spannung erzählt fotografische Geschichten von der Heilung des Selbst in der afrikanischen Gesellschaft. Für die städtische Bevölkerung sind die Strände Orte öffentlicher Begegnungen, die aufgesucht werden, wann immer es möglich ist. In der fein schwingenden Ausbalancierung der poetischen Bilder finden die abgebildeten Körper Kraft. Ebenso im Gropius Bau zu sehen war die fortlaufende Serie African Quarter. Die seit den späten 1990er Jahren in Berlin entstandenen Fotografien zeigen Einschreibungen historischer Spuren der deutschen Kolonialgeschichte in die urbanen Räume sowie kontingente Momente der Begegnungen der afrikanischen Diaspora und afrodeutschen Communitys in den städtischen Umgebungen, insbesondere im sogenannten Afrikanischen Viertel im Bezirk Wedding. 

 

2016 wurde Akinbiyi mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet und 2021 erhielt er das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.  

 

Die Einbeziehungen künstlerischer Beiträge in die Zusammenarbeit Deutschlands mit den afrikanischen Partnerländern zu geteilten Werten und für die gemeinsame Zukunftsgestaltung kann eine wertvolle Erweiterung der Verständnismöglichkeiten afrikanischer Prioritäten bieten. Akinbiyis Arbeiten und künstlerische Methoden können als Schlüssel genutzt werden zum richtigen Hören afrikanischer Stimmen und Positionen für einen respektvollen und gegenseitigen Dialog sowie eine weitere Auseinandersetzung mit den Folgen der Kolonialzeit. Seine Arbeit zur Bedeutung der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und seine Analyse der Megacities bieten in Zeiten digitaler Transformation Grundlagen zur Identifizierung effektiver Ansatzpunkte für die Förderung von Begegnungen insbesondere der jungen Generation. 

 

Heute wohnt Akinbiyi seit über 30 Jahren in Berlin und lebt zwischen den Metropolen auf der ganzen Welt.

 

Aktuell ist seine Serie Sea Never Dry in der Ausstellung New Photography 2023: Kelani Abass, Akinbode Akinbiyi, Yagazie Emezi, Amanda Iheme, Abraham Oghobase, Karl Ohiri, Logo Oluwamuyiwa im MoMA in New York ausgestellt – es handelt sich um die erste Gruppenausstellung in der Geschichte des MoMA, die die Arbeit lebender westafrikanischer Fotograf*innen zeigt. 

 

New Photography 2023:
Kelani Abass, Akinbode Akinbiyi, Yagazie Emezi, Amanda Iheme, Abraham Oghobase, Karl Ohiri, Logo Oluwamuyiwa

28. Mai – 16.September 2023

The Museum of Modern Art, New York 

https://press.moma.org/exhibition/new-photography-2023/

 

Podcast: ‘I Wonder as I Wander‘

mit Akinbode Akinbiyi und Emeka Okereke

https://nkatapodcast.com/podcast/ep01-i-wonder-as-i-wander-with-akinbode-akinbiyi/

 

A short film by Emeka Okereke: ‘I Wonder As I Wander’: On Akinbode Akinbiyi (Teaser)

https://player.vimeo.com/video/597017870?embedded=true&source=vimeo_logo&owner=97038569

 



AKINBODE AKINBIYI

"I hope you take time and try to read the image"


Marei Loreen Klapproth

 

For Akinbode Akinbiyi, the inner attitude with which we move through everyday public spaces is an important reference for negotiating fundamental philosophical questions on topics such as our relationships with our environment and sustainable peacekeeping.

 

Since the 1970s, the Nigerian photographer, poet, curator, and teacher, born in Oxford, has repeatedly roamed the same metropolises with his analogue camera. He creates poetic photographs of cities such as Lagos, Johannesburg, Cairo, Berlin, and many others, which he later compiles into series. Comparable to a dance with all senses, he meanderingly perceives  the rhythm of the big city and of living together in highly dynamic spaces. He is guided in particularly by the sense of hearing when the intuitively follows the attraction of seemingly insignificant details on the periphery of events to capture images. Akinbiyi sees his preferred medium format camera as a tool that he compares to a musical instrument. The fusion of his individual rhythm, which he keeps in a disciplined manner while wandering, with the choreography of the space enables him to feel equally at ease as a human everywhere and being able to open up while he moves. At the same time, he feels deeply rooted in the Yoruba people of Nigeria. He deconstructs the square as an image format resulting from the camera technique used and of movement becomes possible down to the deep layers of understanding. During his walks through the cities, he sometimes encounters dangerous and aggressive situations in which he intervenes only after careful consideration. He tries to recognize unforeseeable threats at on in order to be able to avoid unnecessary violence. He asks himself:

 

What would the world be like if everyone followed this path?

 

In 1977, at the age of 28, the Oxford-born son of Nigerian students was so fascinated by the “power of black culture“ during a visit to the legendary FESTAC festival in Africa that he abandoned his studies in literature and his doctorate to devote himself entirely to photography. In 1987, he received a STERN Reportage Fellowship for his work in the cities of Lagos, Kano, and Dakar. In 1993 he co-founded the UMZANSI Cultural Centre in Durban, South Africa.  A few years earlier, together with the Goethe-Institut Nigeria, he initiated a Master Class for young Nigerian photographers, trough which the pan-African project Centers of Learning for Photography in Africa developed into a network of photography schools in Sub-Saharan Africa.  

 

In numerous workshops, training sessions and Master Classes cross the continent, especially in Sudan, but also in Ethiopia, South Africa and Congo, Akinbiyi has been able to pass on his experience as a teacher to young photographers. Akinbiyi spent his childhood and youth alternately in Nigeria, England, and Germany. Before Nigeria's independence, his father was the mayor of Lagos, which, as Akinbiyi points out, was comparatively smaller than it is today. His mother took him on long hikes at an early age and he remembers his grandmother as a peaceful personality who was influential for him. In his work, Akinbiyi explores these autobiographical references with the search for something lost. He himself says: “In recent years I have realized that I am looking for my childhood, the kind of innocence and childishness I had when I was growing up in London and Lagos. But I feel it is no longer there. Whenever I encounter such moments – fragments of that lost innocence – I take photos. At the same time, I try to understand what's going on in the cities I document today.“ Even as a child, he loved stories and books, and later discovered, after receiving a camera as a gift from a relative, that stories can also be told through photographs.

 

Akinbiyi's work has been shown at exhibitions and biennials in Frankfurt, Berlin, Dresden, Weimar, Tokyo, Paris, Philadelphia, Johannesburg, Havana, and New York, among others, and published in various magazines. He also curated several exhibitions for the Institute for Foreign Cultural Relations, including STADTanSICHTEN Lagos (2004) and Spot on ... DAK'ART – The 8th Biennale of Contemporary African Art (2009). In Bamako, Mali, he curated the German contribution to the Rencontres de Bamako – Biennale de la Photographie Africaine (2003). In 2014, Akinbiyi participated as a co-author in the book project Just Ask! on the contemporary African photography scene (2014, edited by Simon Njami). His major exhibitions include Tales from a Globalizing World (2003 – 2007 in Brussels, Dhaka, Geneva, Cairo, and other venues), Africa Remix (2004 – 2007 in Düsseldorf, London, Paris, Tokyo, Stockholm, and Johannesburg), Sea Never Dry (2005 at the State Museum of Ethnology in Dresden), and Adama in Wonderland (2013 – 14 at the Goethe-Institut Johannesburg). In 2017, he exhibited his work Passageways Involuntary Narratives, and the Sound of Crowded Spaces (2015 – 2017) in Athens and Kassel as part of documenta 14. At the Berlin art space SAVVY Contemporary, he presented a comprehensive work in the group exhibition THAT, AROUND WHICH THE UNIVERSE REVOLVES: On Rhythmanalysis of Memory, Times, Bodies in Space.

 

The exhibition Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air (2020 at Martin-Gropius-Bau in Berlin) includes, the internationally acclaimed series Sea Never Dry. The peaceful tranquility of the Sea Never Dry series from Lagos, which has been going on since 1982, with stillness and ecqually masterful crafted vibrant tensions, tell photographic stories of the healing of the self in African society. For the urban population, the beaches are places of public encounters, sought out wherever possible. The poetic images find strength in their finely resonating balance, that empowers the depicted bodies. Also on view at the Martin-Gropius-Bau was ongoing series African Quarter. The photographs, taken in Berlin since the late 1990s, show inscriptions of historical traces of German colonial history into urban spaces, as well as contingent moments of encounters between the African diaspora and Afro-German communities in urban environments, especially in the so-called African Quarter in the district of Wedding.

 

In 2016, Akinbiyi was awarded the Goethe Medal and in 2021, he received the Order of Merit of the Federal Republic of Germany in 2021.

 

Incorporating artistic contributions into Germany's collaboration with African partner countries on shared values for the common shaping of the future can offer a valuable expansion of understanding African priorities. Akinbiyi's work and artistic methods can be seen as a key to properly listening to African voices and positions for a respectful and mutual dialogue, as well as further engagement with the consequences of the colonial era. His work on the significance of the boundary between privacy and the public sphere, as well as his analysis of megacities offer foundations for identifying effective starting points for promoting encounters, especially among the younger generation, in the age of digital transformation.

 

Akinbiyi has been living in Berlin for over 30 years and has spent his time between metropolises all over the world.


Currently, his series Sea Never Dry is in the exhibition New exhibition Photography 2023: Kelani Abass, Akinbode Akinbiyi, Yagazie Emezi, Amanda Iheme, Abraham Oghobase, Karl Ohiri, Logo Oluwamuyiwa at MoMA in New York – it is the first group exhibition MoMA's history to feature the work of living West African photographers.


 

May 28, 2023 – September 16, 2023

The Museum of Modern Art, New York 

https://press.moma.org/exhibition/new-photography-2023/

 

Podcast: ‘I Wonder as I Wander‘ 

mit Akinbode Akinbiyi und Emeka Okereke

https://nkatapodcast.com/podcast/ep01-i-wonder-as-i-wander-with-akinbode-akinbiyi/

 

A short film by Emeka Okereke: ‘I Wonder As I Wander’: On Akinbode Akinbiyi (Teaser)

https://player.vimeo.com/video/597017870?embedded=true&source=vimeo_logo&owner=97038569

 

 

 

 

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