Weiterführender Text (DE)
Kader Attia (*1970) ist ein algerisch-französischer Künstler und Kurator, der in Berlin und Paris lebt und arbeitet. In Algerien geboren, wuchs er in den Pariser banlieue auf. Er arbeitet mit verschiedenen und gemischten Medien wie Fotografie, Video, Installation und konzeptueller Kunst. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit dem familiären Trauma von Krieg, Erfahrungen des Kolonialismus, Migration und Polizeigewalt. Darüber hinaus lotet er die Grenzen von Natur und Kultur, von Bild und Sehen, von Präsenz und Absenz, Verwundung und Heilung bzw. Reparatur aus.
Besonders letzterer Gegensatz entwickelt sich in seinen Arbeiten zu einem immer wiederkehrenden Charakteristikum. Vor dem Hintergrund traumatisierender Ereignisse historisiert Attia die Gegenüberstellung sowohl von Verwundung und Reparatur als auch von Anerkennung und Leugnen, woraufhin er sich auch intensiv mit den Problematiken europäischer und kolonialer Sichtweisen auseinandersetzt. So zeigte er bspw. 2011 in seiner Zwei-Kanal-Videoinstallation Open Your Eyes sogenannte gueules cassées (“zerfetzte Gesichter”) versehrter Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die er unmittelbar mit kaputten und wiederhergestellten Ethnografika konfrontierte. Auch in der fünf Jahre später auf der documenta 13 gezeigten Arbeit The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures greift er das Narrativ traumatisierender Ereignisse auf: Fotografien entstellter Soldatengesichter, die sich noch während des Krieges rudimentären plastischen Eingriffen unterzogen haben, dienen als Vorlage für die ihnen gegenübergestellten afrikanischen Holzbüsten, die Attia zuvor bei senegalesischen Kunsthandwerkern in Auftrag gegeben hatte. Im Gegensatz zu unserer westlichen Wegwerfgesellschaft werden in vielen Ländern des afrikanischen Kontinents, Südamerikas und dem Nahen Osten unterschiedlichen Formen der Reparatur praktiziert, die ihre Spuren sichtbar lassen. Die Reparaturen mit groben Fäden oder westlich-industriellen Produkten wie Knöpfen begreift Attia als Potenzierungen, die die materielle Struktur und Biografien der Objekte erweitern und transformieren; mit seinen Arbeiten kommentiert er das Konstrukt westlicher Ästhetik, die versucht durch eine Reparatur - wie etwa chirurgische Eingriffe - zum Ursprungszustand zurückzukehren, und kritisiert den damit verbundenen Unversehrtheitskult großer Teile des globalen Nordens. Indem der Künstler Reparatur und Heilung im globalen sowie postkolonialen Zusammenhang thematisiert, argumentiert er für ein grenzübergreifendes Erinnern an gemeinsame Traumata von Krieg, Kolonialismus und Sklaverei.
Das Konzept der ‘Reparatur’ meint jedoch nicht allein das ‘bloße’ Erinnern; vielmehr schreibt sich Attia mit seinen Arbeiten, wie mit seinem Dokumentarfilm Reflecting Memory von 2016, auch in aktuelle Diskurse um die Frage nach der Restitution ein, die dringendes Handeln auf Seiten des globalen Nordens fordert. In seinem Film verdeutlicht Attia, welch eine Wirkmacht dem verlorenen Kulturerbe in den verschiedenen afrikanischen Gesellschaften zugeschrieben wird. Er lässt eine Analogie zwischen den von ihm gezeigten individuellen Verwundungen und den kollektiven immateriellen Schmerzen afrikanischer Gesellschaften zu, die durch – ebenfalls kollektives – Leugnen westlicher Gesellschaften eine lange Zeit unsichtbar gemacht wurden. Nicht zuletzt spürt der Künstler in Sammlungen ‘versehrte‘ Etnografica auf, denen keine Beachtung geschenkt wird und führt damit das oftmals in Restitutionsdebatten eingebrachte Argument der Konservierung der Objekte ad absurdum. Kader Attia appelliert somit in seinem Kunstschaffen nicht nur an ein grenzübergreifendes Erinnern, sondern zeigt auch die Notwendigkeit der aktiven Anerkennung von vergangenem Unrecht und die Sichtbarmachung der dadurch entstandenen Narben auf – Narben, zu denen sich auch Vertreter*innen des westlichen Unversehrtheitskults verhalten sollten.
Related Text (EN)
Kader Attia (*1970) is an Algerian-French artist and curator currently based in Berlin and Paris. Born in Algeria, the artist grew up in the Parisian banlieue. He works with different and mixed media such as photography, video, installation and conceptual art. His work deals with the family trauma of war, ex- periences of colonialism, migration and police violence. He further challenges the boundaries of nature and culture, of image and vision, of presence and absence, wounding and healing or repair.
Especially the latter contrast becomes a recurring characteristic in his works. Against the backdrop of traumatic events, Attia historicizes the juxtaposition of wounding and repair as well as of recognition and denial, whereupon he also deals intensively with the problematics of European and colonial per- spectives. In 2011, for example, in his two-channel video installation Open Your Eyes, he showed so- called gueules cassées ("torn faces") of injured soldiers from the First World War, which he directly confronted with broken and restored ethnografica. In the work The Repair from Occident to Extra-Oc- cidental Cultures, shown five years later at documenta 13, he also takes up the narrative of traumatizing events: photographs of disfigured soldiers' faces who had undergone rudimentary plastic surgery during the ongoing war serve as a template for the African wooden busts juxtaposed with them, which Attia had previously commissioned from Senegalese artisans. In contrast to throwaway societies in the global North, many countries on the African continent, South America and the Middle East practice a type of repair that leaves its traces visible. Attia understands the repairs with coarse threads or Western indus- trial products such as buttons as potentiations that expand and transform the material structure and bi- ographies of the objects; through his work, he comments on the construct of Western aesthetics that attempts to return to the original state through repair - such as surgical procedures - and criticizes the associated cult of integrity of large parts of the global North. By addressing repair and healing in a global as well as postcolonial context, the artist argues for a transnational remembrance of shared traumas of war, colonialism, and slavery.
The concept of 'repair', however, does not mean 'mere' remembering; rather, with his works, such as his documentary Reflecting Memory from 2016, Attia also inscribes himself in current discourses on the question of restitution, which demands urgent action from the global North. In his film, Attia illustrates the impact attributed to lost cultural heritage in different African societies. He allows for an analogy between the individual wounds he shows and the collective immaterial pains of African societies, which were made invisible for a long time through - also collective - denial by Western societies. Last but not least, the artist tracks down 'broken' etnografica in collections that are not paid any attention to, thus taking to absurdity the argument of conservation of objects, that is often brought into restitution debates. Kader Attia’s art not only appeals to remembrance that crosses borders, but also demonstrates the ne- cessity of actively recognizing past injustice and making visible the resulting scars - scars to which representatives of the Western cult of integrity should also relate.
Weiterführende Literatur:
- Attia, Kader: Zeigt eure Verletzung. In: Kodielka, Robert / Lammert, Angela (Hrsg.): Grenzenlose Kunst? Im Auftrag der Akademie der Künste, Berlin, herausgegeben von Robert Kudielka und Angela, Lammert. - Berlin/ Dortmund 2016, S. 175-185.
- Goerner, Klaus / Gaensheimer, Susanne (Hrsg.): Kader Attia, sacrifice and harmony. Katalog zur Ausstellung vom 16.04.2016 - 14.08.2016 im MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. - Bielefeld 2016.
- Golovko, Ekaterina: Ontological Distances. Contemporary Art, African Masks, and Western Museums.In: Nka. Journal of Contemporary African Art, Nr. 44 (2019), S. 132-142.
- Kafehsy, Sylvia: Trauma-Politiken Bilderfahrung am Beispiel von Kader Attia und Rajkamal Kahlon.In: (Hrsg.): Hin- und Wegsehen. Formen und Kräfte von Gewaltbildern (= Imaginarien der Kraft Bd.1). - Berlin/ Boston 2020, S. 195-213.
- Reifenscheid, Beate (Hrsg.): Kader Attia . Architektur der Erinnerung. Katalog zur Ausstellung vom 05.11.2017 - 21.01.2018 im Ludwig Museum im Deutschherrenhaus, Koblenz. - Bielefeld 2017.
- Walsh, Maria / Kokoli, Alexandra: Trauma and repair in the museum. An introduction. In: Psychoanal- ysis, Culture & Society, Nr. 27 (2022), S. 4-19.
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