"God is not working on sunday, eh!" - Feministisches Empowerment in Ruanda nach dem Genozid von 1994 | Jule Welling
"God is not working on sunday, eh!"
A Film about surviving woman driving social change in the rwanda of today
Ein Dokumentarfilm von Leona Goldstein
Ruanda 2015 | 84 Minuten | Farbfilm
Feministisches Empowerment in Ruanda nach dem Genozid von 1994
Sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen gehört zur Realität von gewaltvollen Auseinandersetzungen und Kriegen und lassen sich in der Weltgeschichte des etlichen erkennen. Da die Gefahr der mangelnden Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Involviertheit in Krisensituationen auch von staatlichen und nicht-staatlichen Entwicklungsorganisationen wie dem Auswärtigen Amt und dem BMZ erkannt wurde, gilt es für diese Instanzen sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und vergangene Geschehnisse aufzuarbeiten. Doch wie gehen direkte Betroffene persönlich und gesellschaftlich mit den eigenen Erlebnissen um? Wo setzt ihre Aufarbeitung an?
Der dokumentarische Film „God is not working on Sunday, eh!” der deutschen Regisseurin Leona Goldstein, welcher 2015 fertiggestellt wurde, behandelt die Aufarbeitung sexueller Gewalt gegenüber ruandischen Frauen während des Genozids im Jahr 1994. Er dreht sich um die Frage, wie Opfer heute mit der erlebten Gewalt und den Folgen dieser umgehen und gibt dabei einen Einblick in die Arbeit der ruandischen Aktivistinnen Godelieve und Florida, welche sich durch ihre organisierten Tätigkeiten im Land für die Selbstbestimmtheit von ruandischen Frauen einsetzen und mit ihnen gemeinsam versuchen, erlebte Traumata aufzuarbeiten.
Der Absturz eines Flugzeuges am 6. April 1994 durch eine abgefeuerte Rakete, bei welchem der Präsident Ruandas Juvénal Habyarimana ums Leben kam, gilt bis heute als Startsignal des darauf folgenden 100 Tage langen Genozids in Ruanda. Bereits seit Jahrzehnten herrschten im ehemals belgischen Kolonialstaat intensive Spannungen und Konflikte zwischen den beiden ethnischen Gruppen der Hutu und der Tutsi, welche auf die zur Kolonialzeit etablierten Strukturen und Machtverhältnisse und die damit verbundene Manipulation von Ethnizität zurückzuführen sind. Angetrieben von Hetzpropaganda der Regierung wurden Tutsi und deren Sympathisanten Opfer von gewaltvollen Massakern, welche nicht nur ausschließlich von Militär, Milizen und Polizei, sondern häufig auch von den eigenen Nachbar*innen und Freund*innen ausgingen. Insgesamt fielen rund eine Millionen Menschen dem Genozid zum Opfer. Doch für die Überlebenden ist der Genozid bis heute noch spürbar. Besonders Frauen und Mädchen haben aufgrund von sexueller Gewalt stark unter dem Genozid gelitten. Diese sexuelle Ausbeutung von weiblichen Menschen war nicht nur eine Folge der Konflikte, sondern ein strategisch organisiertes Instrument derer. Strategische Infektionen mit HIV, Gruppenvergewaltigungen, sowie Genitalverstümmelungen waren an der Tagesordnung. Studien zufolge wurden jeden Tag während des Genozids rund 5000 Frauen Opfer sexualisierter Gewalt. Eine Gewalt dessen anhaltenden körperlichen und psychischen Folgen kaum zu messen sind.
Heute, 20 Jahre nach dem Genozid, gilt Ruanda als einer der fortschrittlichsten Länder Afrikas. Im Bereich des wirtschaftlichen Wachstums und des technologischen Fortschritts sind sie ihren Nachbarländern um einiges voraus. Im Land, welches im Parlament mehrheitlich von Frauen regiert wird, zeichnet sich zunehmend eine feministisch aktivistische Strömung in der Zivilgesellschaft ab, welche für geschlechtliche Gleichberechtigung und für einen selbstbestimmten Raum für Frauen in Ruanda kämpft. Dennoch dominiert ein Schweigen die Geschehnisse und die gesellschaftlichen wie subjektiven Folgen des Genozids. Nicht nur die Aufarbeitung durch die internationale Politik ist vielfach fragwürdig und in Bezug auf die Schuldzuweisung mit viel Scham versehen, sondern insbesondere sexualisierte Kriegsgewalt erweist sich immer noch als ein Tabu. Wie arbeiten Opfer und Täter diese Geschehnisse nun auf, die nun nach dem Absitzen der Gefängnisstrafe wieder zusammen in einem Land leben müssen?
Die Arbeit ruandischer Aktivistinnen, um welche sich Leona Goldsteins Dokumentarfilm dreht, zeigt Möglichkeiten sowie die Hürden der menschlichen Versöhnung und des feministische Empowerments Jahre nach dem Genozid. Godelieve, Florida und viele weitere ruandische Frauen die Opfer von Gewalt geworden sind setzen sich durch Schulungen, Theatergruppen und Empowerment Gruppen dafür ein das Schweigen zu brechen. Mit ihrer Arbeit wollen sie die patriarchalen Machtstrukturen aufbrechen, sowie ruandischen Frauen eine Stimme und die Möglichkeit der traumatischen Aufarbeitung geben. Mit ihren Zielen sind diese ruandischen Frauen Teil eines sozialen Wandels im Land, welcher ein sichtlich schwieriger Prozess ist, der voraussichtlich noch lange andauern wird. Es stellt sich daraus die Frage, inwiefern ein solcher Dokumentarfilm einen wirkungsvollen Beitrag zu einem zivilgesellschaftlichen Prozess der Aufarbeitung von verübten und erlittenen Gewaltverbrechen leisten kann.
Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Wl_mb_19A_c&t=14s
English version:
A documentary by Leona Goldstein
Rwanda 2015 | 84 minutes | Color
Feminist Empowerment in Rwanda after the genocide of 1994
Sexualized violence against women and girls is a grim reality in violent conflicts and wars, and can be traced throughout the world's history of numerous such instances. As the risk of insufficient consideration of gender-specific involvement in crisis situations has been acknowledged by both governmental and non-governmental development organizations such as the Federal Foreign Office and the Federal Ministry for Economic Cooperation and Development, it is crucial for these entities to engage with the issue and address past events. However, how do direct affected individuals personally and socially deal with their own experiences? Where does their process of coming to terms with these experiences begin?
The documentary film "God is not working on Sunday, eh!" (2015) by the German director Leona Goldstein explores the process of addressing sexual violence against Rwandan women during the 1994 genocide. It delves into how survivors cope with the experienced violence and its aftermath, providing insight into the work of the Rwandan activists Godelieve and Florida. These woman, who have been victims of sexual violence during the genocide themselves, advocate through their organized activities in the country for the autonomy of Rwandan women and collaborate with them in addressing their traumatic experiences.
The crash of an airplane on April 6, 1994, caused by a fired missile resulting in the death of Rwandan President Juvénal Habyarimana, is considered the triggering event for the subsequent 100-day genocide in Rwanda. Intense tensions and conflicts between the two ethnic groups of Hutu and Tutsi had been present in the former Belgian colonial state for decades, stemming from established colonial structures and power dynamics. Driven by government propaganda, Tutsis and their sympathizers became victims of violent massacres perpetrated not only by the military but often by their own neighbours and friends. In total, approximately one million people fell victim to the genocide. However its impact still lingers for the survivors. Particularly women and girls suffered greatly from sexual violence during the genocide. Strategic HIV infections, mass rapes, and genital mutilations were commonplace. Studies estimate that approximately 5,000 women became victims of sexualized violence every day during the genocide, leaving lasting physical and psychological scars that are nearly impossible to measure.
Today, 20 years after the genocide, Rwanda is considered one of the most progressive countries in Africa. They are ahead of their neighbouring countries in terms of economic growth and technological advancement. The country, which is predominantly governed by women in parliament, is witnessing an increasingly emerging feminist activist movement in civil society, fighting for gender equality and a self-determined space for women in Rwanda. However, a silence still dominates the events and the societal as well as individual consequences of the genocide. Not only is the international political process of addressing the genocide often questionable and accompanied by a great deal of shame regarding blame attribution, but especially sexualized wartime violence continues to be a taboo. How do victims and perpetrators now confront these events as they live together in the same country after serving their prison sentences?
The work of Rwandan activists, which Leona Goldstein's documentary film revolves around, showcases the possibilities and challenges of human reconciliation and feminist empowerment years after the genocide. Godelieve, Florida, and many other Rwandan women who have become victims of violence are working to break the silence through training, theater groups, and empowerment groups. With their work, they aim to dismantle patriarchal power structures and give Rwandan women a voice and the opportunity for traumatic healing. With their goals, these Rwandan women are part of a social change in the country, which is visibly a difficult process and is likely to continue for a long time. The question arises as to what extent such a documentary film can make an effective contribution to a civil society process of addressing committed and suffered acts of violence.
Link to trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Wl_mb_19A_c&t=14s
Weiterführende Literatur:
Brockmeier, Sarah (2014): Deutschland und der Völkermord in Ruanda. Eine verpasste Chance zu lernen. In: Vereinte Nationen: German Review on the United Nations. Lehren aus Ruanda 1994. Vol. 62.2: Berliner Wissenschafts-Verlag, S. 72–76.
Eisele, Manfred (2014): Ruanda 1994. Die internationale Gemeinschaft hat nur wenige Lehren gezogen. In: Vereinte Nationen: German Review on the United Nations. Lehren aus Ruanda 1994. Vol. 62.2: Berliner Wissenschafts-Verlag, S. 51–58.
Goldstein, Leona (2015): God is not working on Sunday, eh! A film about surviving woman driving social change in the rwanda of today. Dokumentarfilm.
Harding, Leonhard (2007): Der Völkermord in Ruanda. Der Rückgriff auf das koloniale Bewusstsein, oder die Gefahr einer Manipulation der Erinnerung. In: Steffi Hobuß und Ulrich Lölke (Hg.): Erinnern verhandeln. Kolonialismus im kollektiven Gedächtnis Afrikas und Europas. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 91–116.
Krüger, Karen (2004): Die Vergewaltigung von Tutsi-Frauen im rwandischen Genozid 1994. In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Stuttgart: De Gruyter, S. 277–290.
Salami, Minna (2015): God is not working on Sunday, eh! Preface. Online verfügbar unter https://www.godisnotworkingonsunday.org, zuletzt aktualisiert am 31.05.2023.
Woman in Exile and Friends (Hg.) (2013): „God is not working on sunday, eh!". Ein Film über die sozialen Bewegungen und die Selbstorganisation von Frauen in Ruanda, 20 Jahre nach dem Genozid. Online verfügbar unter https://www.women-in-exile.net/god-is-not-working-on-sundayeh-ein-film-ueber-die-sozialen-bewegungen-und-die-selbstorganisation-von-frauen-in-ruanda-20-jahre-nach-dem-genozid/, zuletzt aktualisiert am 31.05.2023.
Zdunnek, Gabriele (2002): Akteurinnen, Täterinnen und Opfer. Geschlechterverhältnisse in Bürgerkriegen und ethnisierten Konflikten. In: Cilja Harders und Bettina Roß (Hg.): Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden. Perspektiven der feministischen Analyse internationaler Beziehungen. Wiesbaden: Springer, S. 143–161.

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